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Ein Tag wie jeder andere
auch ...
An einem Tag in der Adventszeit vor einigen Jahren, als ich noch
Rettungsdienst versah und wieder einmal auf der Station die Nachtschicht
als Fahrer schob, schien sich alles wie gehabt abzuspielen. Die Ausfahrten
waren glücklicherweise recht wenige, so daß ich auch ein wenig zum
Schlafen gekommen bin.
In der Früh, so gegen Dienstende, wurde ich von der neuen Journaldienst
Kollegin mit einem fröhlichen "Guten Morgen - aufstehen, die Sonne
scheint" sowie einem frisch gekochten Kaffe geweckt. Trainiert durch
die vielen Dienste dieser Zeit war ich sofort hellwach, bedankte mich und
genoß die Morgensonne durch die Fensterscheiben.
Die Station war schon vorweihnachtlich eingestimmt, überall standen
Kerzen und hangen Tannenzweigerln herum - eben der übliche Schmuck halt.
Im Freien lag auch ein wenig Schnee, der in der Morgensonne herrlich
glitzerte und flimmerte.
Inmitten dieser herrliche Morgenstimmung der Adventszeit drang plötzlich
das schrille Läuten des Notrufapparates. "Shit" dachte ich mir,
"jetzt werde ich zu spät zur Arbeit kommen!". Kaum gedacht, war
die Kollegin schon mit den Daten bei uns und schickte uns auf Ausfahrt.
"Beeilt’s euch!" meinte sie noch, "Wehen im 5 Minuten
Abstand!".
Eine Geburt stand uns also bevor - ein neues Leben. Wir liefen in die
Garage, sprangen in den Rettungswagen und fuhren los. Mein Sanitäter
fluchte leicht vor sich hin, er hatte immerhin erst 14 Tage seines
Probemonats in der neuen Arbeit hinter sich - da sollte er eigentlich
nicht zu spät in die Firma kommen. Auch ich war nicht wirklich glücklich
über diese Fahrt knapp vor Dienstschluß - aber damit muß man rechnen,
wenn man sich unter der Woche zum Nachtdienst meldet.
Bei der angegebenen Adresse stand bereits ein Mann auf dem Gehsteig und
winkte uns heran - "schnell, schnell - das Baby kommt schon!". Während
ich die Krankentrage aus dem Wagen holte, war mein Kollege schon im Haus
verschwunden und kümmerte sich um die Patientin. Als ich nachkam, meinte
er - "nicht so schlimm, wir können noch in’s Spital mit ihr".
Trotz meiner Bedenken wegen der doch etwas längeren Strecke brachten wir
sie schlußendlich doch in den Wagen und fuhren los.
Auf halber Strecke dann, mitten auf der Bundesstraße, wies mich mein
Kollege dann an, an den Straßenrand zu fahren und zu halten. "Das
auch noch" dachte ich mir, "jetzt wird’s sicher spät!".
Über Funk gab ich noch der Kollegin auf der Station Bescheid und stieg
dann ebenfalls nach hinten um, damit ich meinem Sanitäter assistieren
konnte.
Die junge Frau sah mich leicht verängstigt an, doch irgendwo war etwas
wie Vertrauen in ihrem hilflosen Blick. "Wir vier schaffen das
schon" zwinkerte ich ihr zu, was doch ein kleines Lächeln auf ihr
Gesicht zauberte. Doch schon war das Lächeln wieder verschwunden, wich
einem Schmerz und ihre Hand verkrampfte sich um meine.
Mein Kollege und ich verrichteten unsere Arbeit (die Einzelheiten erspare
ich euch lieber), bis wir dann nach ein paar bangen Minuten das Ergebnis
in unseren Händen hielten - ein kräftiges und offenbar gesundes junges Mädchen.
Wir legten es, warm und trocken eingewickelt, der jungen Mutter auf den
Bauch, die es trotz der Strapazen glücklich und liebevoll ansah und
streichelte. Kurz ließ ich die beiden noch verschnaufen, bis wir dann
unsere Fahrt in’s Spital fortsetzten.
Dort angekommen brachten wir die beiden zur Untersuchung in den Kreißsaal,
wo wir uns dann von ihnen verabschiedeten. Das Neugeborene schien mich mit
seinen Augen anzusehen und dabei zu lächeln, während die Mutter glücklich
meinte: "Sie haben mir das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht, das
es gibt!".
Mit diesen Worten fuhren wir zurück, um uns in das Berufsleben zu stürzen
- in einen "Tag wie jeder andere auch" ....
GF © 06.12.1996
 
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