<bgsound src="../sounds/unknown/icecastl.mid" loop="-1">WEBCounter by GOWEB Schneeflocken


Leise rieselt der Schnee - Weihnachten ist doch schon lange vorbei?! Trotzdem, eben war ich noch vor der Türe und habe ihn mir angesehen, den Schnee - habe ein paar Flocken aufgefangen und sie mir näher betrachtet, während sie in meinen Händen geschmolzen sind. Sie sind schon ein faszinierendes Schauspiel, diese Schneeflocken - eine gleicht der anderen und doch sind sie so grundverschieden, wie zwei Menschen nur grundverschieden sein können.

Ein Botaniker hat mir mal vor einiger Zeit erzählt, daß der Schnee im Winter die Pflanzen und die Erde vor all zu strengem Frost schützt - daß er den Wurzeln quasi eine Decke für den Winterschlaf bietet. Und im Frühjahr, wenn diese Decke dann langsam schmilzt und wieder zu Wasser wird, dann kommt daraus der Lebensquell für die neuen, jungen Pflanzen, die Nahrung für die ersten zarten Sprößlinge und Blätter.

Lange bevor uns die Farbenpracht des Frühlings also erfreut, ist es notwendig, daß der graue Himmel mit seinen weißen Flöckchen, der strahlenden Schneedecke und der Kälte vor der Türe den Weg bereitet dafür. Irgendwie hat mich das heute wieder an das Leben an sich erinnert - an die Kälte, die uns manchmal von unserer Umgebung entgegen gebracht wird, an den grauen Alltag, in den wir uns so oft flüchten, weil wir es ja gar nicht ändern könnten.

Irgendwie habe ich mich dabei auch an den Frühling in unser aller Herzen erinnert - jeder sieht seine eigenen Blüten, jedem gefällt eine andere Pflanze des Lebens - aber alle genießen wir die Freude, wenn die Samen unseres Seins und unseres Tuns aufgehen und die Blüten unserer Werke strahlen und leuchten.

Wieder habe ich eine dieser vielen kleinen Flocken eingefangen, mit meinem Ärmel, damit sie nicht sofort schmilzt und ihr Wunder verliert. Faszinierend, wie dieses kleine Ding aufgebaut ist - mit all den kleinen Adern, den Verzweigungen - fast wie ein kleiner, runder Baum. Habt ihr selbst schon einmal eine Schneeflocke näher betrachtet? Es gibt wohl keine zwei gleichen Flocken auf der Welt - so wie es keine zwei gleichen Menschen gibt.

Still und leise fallen die Flocken - unmerklich aber doch wird die Schneedecke immer dicker, langsam verschwinden die Grashalme unter der weißen Pracht und die ganze Umgebung verwandelt sich immer mehr in eine Märchenwelt. Auch auf den Sträuchern und Bäumen bilden sich immer mehr weiße Käppchen - die Nadelbäume nebenan werden langsam zum Weihnachtswald. Irgendwie ist es schon ein wenig seltsam, so mitten im März die Erinnerungen an die Weihnachtszeit "serviert" zu bekommen - aber es ist ein schönes Gefühl.

Passend zu dem Schnee und den weihnachtlichen Gedanken dringt mir plötzlich der Duft von Glühwein in die Nase - "Glühwein?!" denke ich mir - "mitten im März?!". Ja, wirklich - da steht plötzlich auch ein Glühweinstand und der freundlich lächelnde Herr hinter der Schank reicht mir einen Becher mit einer köstlich dampfenden Flüssigkeit herüber. "Woin’s ned aa amoi prowian?" fragt er mich in bestem Wienerisch, während seine Augen ein wenig glänzen.

Während ich noch überlege, ob ich zugreifen soll, ruft auf einmal hinter mir eine Frau "Kristbaama - hom’s scho an Baam fian Heulichn Oobnd, da Heaa?!". Jetzt wird’s langsam seltsam - schlafe ich etwa noch?! Scheinbar, denn ein Stand nach dem anderen taucht plötzlich aus dem Nichts um mich herum auf und ehe ich begreife, was überhaupt los ist, steht der ganze Wiener Christkindlmarkt um mich herum da!

Hinter dem Glühweinstand sehe ich ein paar Kinder, wie sie aus einem Papierstanitzel ein paar Maroni essen, gleich daneben steht eine Krippe mit den Hirten rund herum und dahinter wiederum steht plötzlich ein Stand mit Christbaumkugeln und Lametta. Neben mir taucht plötzlich der alte Sandler auf, von dem ich schon geschrieben habe - mit der alten Frau, der er so nett auf der Mariahilfer Straße geholfen hatte (1).

Als er mich sieht, lächelt er mich an und meint zu ihr - "schau, Oide, wer do is - dea Herr, der wos uns daumois ghoifn hot, wia ma uns kenna gleant hom!". Die beiden begrüßen mich herzlich und schütteln mir freudig die Hände, während sie mir erzählen, daß sie einander seit damals lieben und seit einem halben Jahr auch verheiratet sind. Sie erzählen mir auch, daß sie in der Zwischenzeit einen Enkelsohn haben, das zweite Kind der Tochter der alten Frau - ein ganz glücklicher, lebendiger Bub.

Während ich mich noch wundere, was denn da eigentlich vor sich geht, kommt eine junge Frau um die Ecke - mit einem Tigerpulli, der in meinem Kopf auch einiges an Erinnerungen wach rief (2). Schalkhaft lächelt sie mir zu - genauso schalkhaft, wie an jenem Sonntag Nachmittag im November, als ich sie das erste Mal traf. Und ebenso rasch wie damals verschwindet sie zwischen zwei Bäumen hindurch hinter ein paar Sträuchern und läßt nur ihren Pulli zurück - den Pulli mit dem Tigerkopf, der jedoch plötzlich auf einem der vielen Standeln liegt und mir von der Verkäuferin angeboten wird.

Während ich noch nach der Frau mit ihren tiefbraunen Augen Ausschau halte, kommt ein anderes Pärchen um die Ecke - die beiden Bekannten, die sich schon seit einigen Jahren so richtig "zusammen raufen" (3). Wie ein frisch verliebtes Paar kommen sie auf mich zu, schieben einen Kinderwagen vor sich her und lächeln mich schon von weitem an. "Hallo Günther" ruft sie und auch er begrüßt mich freudig. "Danke für deine Geschichte über uns, sie hat mir die Augen geöffnet - und jetzt weiß ich, daß sie die einzig richtige für mich ist." meint er zu mir, während sie liebevoll ihr Kind noch besser einwickelt, damit es nicht friert.

Es ist faszinierend, wie viele Menschen und Geschichten ich hier treffe auf diesem Weihnachtsmarkt mitten im März - jeder einzelne von Ihnen hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Hintergrund. Und doch - irgend etwas stimmt hier trotzdem nicht, denn während ich noch darüber nachdenke, wo all diese Standeln und Menschen denn plötzlich herkommen, verschwinden sie schon wieder und ich blicke nur mehr auf einen kleinen, zerronnenen Wassertropfen auf meinem Ärmel, neben dem soeben eine weitere Flocke gelandet ist und im Strahl der Laterne an der Hausmauer wie ein kleiner Diamant funkelt.

Einsam stehe ich wieder mitten auf der kleinen Wiese vor dem Haus und wache langsam aus meinen Gedanken und Tagträumen auf - die Welt der Phantasie hat mich wieder einmal in ihren Bann gezogen gehabt und all die Geschichten zusammen gefaßt, die ich schon aufgeschrieben habe, um sie nicht zu vergessen. Um die Ecke des Nachbarhauses kommt plötzlich ein Mann auf mich zu, den ich ebenfalls schon einmal gesehen habe - ein Mann mit einem beigen Schal und einem grauen Hut auf dem Kopf (4).

Während ich noch überlege, ob ich schon wieder in einen Traum gesunken wäre, sagt der Mann zu mir "Das alles ist einfach die Kraft der Schneeflocken - doch vergiß nicht, bevor du dich in all deinen Geschichten verlierst und die Zeit vergißt - eigentlich mußt du jetzt in die Arbeit fahren!". Schon ist er wieder verschwunden und meine Uhr erinnert mich daran, daß ich jetzt wirklich los muß - es gibt ja so viel zu tun! Und wenn ich mich dann noch an den einen Tag erinnere, als ich die Freundin wieder traf, die ich schon so lange nicht mehr gesehen hatte und wir ein Wintermärchen erlebten (5) - und nebenan, bei dem kleinen Café am Eck die Türe gehen sehe, dann muß ich mich schon ein wenig beherrschen, um nicht wieder hinterher zu gehen und damit einen Tag der Firma ferne zu bleiben.

Leise rieselt der Schnee weiter vor sich hin, deckt die grünen Halme und Sträucher zu und schmilzt auf meiner Windschutzscheibe, während ich in die Arbeit fahre und mich wieder ein wenig zurück in die Realität bewege. Aber trotz des kalten Autos ist mir dabei ein wenig wärmer, vor allem, wenn ich an das alte Ehepaar denke, an meine liebe Bekannte mit ihrem Mann und dem kleinen Kind - und im Schaufenster am Straßenrand einen Pulli sehe, mit einem großen Tigerkopf darauf, vor dem die Schneeflocken ganz besonders zu tanzen scheinen ....


GF © 19.03.1998

Auszüge aus anderen Kurzgeschichten dieser Site:
(1) "Einfach zum Nachdenken", Dez. 96
(2) "Sonntag Nachmittag", 11.11.96
(3) "Die Sonne scheint", 26.11.96
(4) "Auf der Tribüne/der Mann mit Schal und Hut", 10.02.97
(5) "Ein Wintermärchen", 26.11.96

Zurückzum Poesie IndexVorwärts

Ein Klick zur Empfehlung! \| One click to recommend!

Werbung:

Site (d)esigned & (c)opyright 1998-2000 by PowerFox - Mail an/to PowerFox Webmaster\@PowerFox.net - Last change on this page in 2004
Sollten wir bei irgendwelchen Bildern oder Musiken (welche überwiegend aus dem Netz stammen) geltende Rechte verletzt haben, so werden wir diese auf Anforderung natürlich sofort von unseren Seiten entfernen!
Außerdem weisen wir darauf hin, daß wir für die Inhalte von Seiten außerhalb der Domäne www.PowerFox.net weder Verantwortung übernehmen noch sie uns zu eigen machen!
Should we have broken any rights in using pics or sounds (mostly got out of the net) on our sites, pls drop a mail and we'll remove them immediately!
Furthermore we declare not beeing responsible for contents of pages outside of the domain www.PowerFox.net nor to include those contents in our publications in any way.

Self-Hosted by www.Fuchs.info

.