Warum scheint die Sonne manchmal anders?

Und wieder einmal scheint die Sonne, vertreibt die Regenwolken vom Himmel – läßt alles in neuem Licht erstrahlen, so schön und doch ….

Auf meinem Auto zeigt sie mir die Flecken, die die letzte Fahrt hinterlassen hat – gar nicht so schön.
In der Firma zeigt sie mir, daß die Fenster wieder gereinigt werden müßten – auch nicht schön.
Durch das Fenster blendet sie mich und zeigt mir, daß die Brille ebenfalls schon viel zu viel erlebt hat – noch weniger schön.

Und eigentlich möchte ich wieder mal auf der grünen Wiese sein, von der ich schon vor längerer Zeit geschrieben habe – möchte in den letzten Ausläufern des weißen Schnees herum tollen und glücklich sein – doch irgendwie ist heute nur mehr Schlamm und braune Soße dort, eher zum zu Hause bleiben als irgend etwas zu unternehmen – schon überhaupt nicht mehr schön ….

Wo ist sie hin, die Sonne, die ich noch vor wenigen Wochen gesehen habe? Wo sind sie hin, die Vögel, die damals mit ihrem Zwitschern den Frühling besungen haben, obwohl Herbst war? Und wo ist sie hin, die Schönheit des Winters, die Freude auf den Kerzenschein zu Weihnachten, der Geruch des Glühweins und dem Punsch zu Sylvester?

Habe ich das alles nur geträumt oder kann ich es jetzt nur nicht sehen, weil der Schnupfen in der Nase die Augen zum Tränen bringt, weil das Kratzen im Hals meine fröhliche Stimme so rauh und unsympathisch erscheinen läßt? Oder war es wirklich, dieser Sonnenaufgang vor wenigen Tagen, als sie mich noch zärtlich streichelte, diese Sonne, die mir heute so schonungslos all die kleinen Schwächen und Nachlässigkeiten der letzten Tage und Wochen präsentiert, die meine schöne neue Wohnung so leer aussehen läßt und mich statt zu streicheln, einfach nur einsam fühlen läßt, alleine und krank?

Langsam geht sie unter, langsam verschwindet sie aus meinem Tag und überläßt mich der Nacht und der Dunkelheit, die sich wie ein samtenes Tuch über meine Gedanken legt und flüstert „träum süß, träum schön, schlaf ruhig ein – morgen wird es besser“. Langsam geht der Tag seinem Ende zu, überläßt das Licht der Dunkelheit das Feld – manchmal liebe ich auch sie, diese Dunkelheit. Sie läßt mich nicht sehen, was mich bedrückt – sie läßt mich vergessen, was noch immer nicht erledigt ist, läßt mich ertragen, was sonst kaum zu ertragen ist.

Und morgen, morgen werde ich sie wieder sehen, die Sonne, morgen werde ich wieder ihre Strahlen spüren, werde wieder erkennen, wie schön dieses Licht in den Tautropfen des Morgens wirkt, wie es all die kleine Tiere aus ihren verborgenen Höhlen und Nestern hervorlockt, wieder all das Leben bringt. Morgen werde auch ich wieder leben durch ihre wärmenden Strahlen – ja, aber noch ist heute, noch ist der Tag nicht ganz vorbei und die Nacht noch nicht ganz da …. Aber ich freue mich schon darauf, auf morgen!

Warum scheint die Sonne manchmal anders, warum ist sie manchmal so hart? Warum zeigt sie mir manchmal schonungslos, was noch immer nicht paßt, was ich schon wieder übersehen habe zu erledigen, wie krank ich noch immer bin, obwohl ich schon wieder arbeiten gehe? Warum ….

Egal – morgen ist auch noch ein Tag – laß los, laß gehn, der Tag ist aus – schlaf süß, träum was schönes – morgen scheint sie wieder, morgen …..

GF © 06.03.1997

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